Die große Unlust hat mich gepackt. Seit mehreren Wochen. Gestern war Stichtag, um noch den Stromvertrag zu wechseln. Und um einen bestellten Artikel zurückzusenden. Außerdem wollte ich schon vor Wochen ein Gerät einschicken, das nicht mehr tut. Der Garten durstet. Die Zucchini hängen ungeernet herunter und schicken sich an, Rekorde zu brechen – aber schmecken werden sie dann nicht mehr … ich hätte noch 1001 weitere Beispiele, aber ihr wisst auch so, worauf ich hinaus will.

Versteht mich nicht falsch, ich mache „nicht nichts“. Meine Kinder vernachlässige ich nicht, ihr könnt den Telefonhörer wieder weglegen, das ist kein Fall fürs Jugendamt. Wir ersticken auch nicht im Dreck. Aber ja, um mich herum herrscht schon ein wenig das Chaos. Die Wäsche türmt sich, aber noch hat jeder genug Frisches zum Anziehen. Und so weiter und so fort.
Positive Nebeneffekte: Man zieht mal wieder Klamotten an, die schon lange in den Tiefen des Kleiderschranks verschollen waren. Und die Tiefkühltruhe ist so leer wie schon seit Langem nicht mehr.

Vor wenigen Wochen bin ich noch wie eine Irre meiner unendlich langen To-Do-Liste hinterher gerannt. Dann hat plötzlich der Kopf zugemacht, alle Willenskraft ist verpufft (bzw. hat sich auf die Seite des Feindes gestellt und treibt nun dort ihr Unwesen mit lauten „Ich will aber nicht“-Parolen). Das geht schon auch mal ne Weile gut so, ohne dass es gleich zum Super-GAU kommt, aber es nervt mich. Tierisch. Gleichzeitig aber hat sich auch eine gewisse Gleichgültigkeit als Schleier über alles gelegt. Ein Gefühl von „es geht einfach nicht“, eine innere Wand, mehr eine mentale denn eine körperliche Erschöpfung. Ich wäge ab, mit welchen Konsquenzen ich leben kann und mit welchen nicht. Wenn wir jetzt eine Zeitlang etwas mehr für den Strom bezahlen, dann ist das jetzt halt so (wenigstens ist es Ökostrom).

Gut, das hab ich mir wohl ein bisschen selbst zuzuschreiben. Es ist ja nicht das erste Mal, dass es so abläuft. Immer, wenn es motivationstechnisch gut läuft, muss ich das ausnutzen. Ich versuche dann, wie ein Derwisch alle Baustellen gleichzeitig abzuarbeiten, die sich im Laufe der letzten Tiefphase angehäuft haben. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich mutiere zum Duracell-Häschen und kenne weder Pausen noch Stressreduktionstechniken mehr. Da ist es fast schon vorprogrammiert, dass irgendwann die Luft raus ist und die Geschäftigkeit ins Gegenteil umschlägt. Dann bin ich wieder in der Prokrastinationsfalle gefangen.

Klar, jeder schiebt mal Dinge vor sich her, das ist normal. Fast schon ein bisschen zu normal – es grassiert fast schon. Und mittlerweile wurde tatsächlich anerkannt, dass die Aufschieberitis nichts mit Faultheit zu tun hat. Die Ursachen dieses Phänomens sind trotzdem noch nicht vollständig geklärt (ganz ähnlich wie beim Krankheitsbild der Depression). Ganz klassisch ist aber, dass man nicht untätig rumlümmelt, sondern sich stattdessen durchaus emsig in ein vergleichsweise angenehmeres Tätigkeitsfeld stürzt, ja regelrecht flüchtet. Das können geistig wenig anstrengende Dinge wie Putzen sein, aber auch spaßmachende Dinge wie Blog-Schreiben. Na, merkt ihr was?

Es gibt ein paar recht gute Bücher zu dem Thema, ich kann zum Beispiel diese zwei hier empfehlen:

Arschtritt-Buch, Tim Reichel

Der Zauderberg: Warum wir immer alles auf morgen verschieben und wie wir damit aufhören, Dr. Piers Steel

An mir selbst stelle ich fest: Je größer/umfangreicher eine Aufgabe, sprich: desto länger sie mich binden wird und (zumindest in der Vorstellung) keine Zeit für Anderes lässt, desto mehr schiebe ich – selbst dann, wenn das anstehende To-Do gar nicht mal unbedingt unangenehm wäre (teilweise kann der Prokrastinationsfluch bei mir also durchaus auch Arbeiten im Garten treffen). Eine oft empfohlene Strategie dafür: Aufgaben in Kleinst-Schritte unterteilen.

Zweitens: Je undefinierter/schwammiger/unklarer eine Angelegenheit, desto höher bei mir die Prokrastinationsgefahr. Im Kopf bauscht sich der Job dann leise, klamm und heimlich zu einem unüberwindbaren Berg auf. Daher wird gern empfohlen: Task klar umreißen und auch hier wieder: Einzelabschnitte festlegen und am besten aufschreiben.

Und noch eine dritte Beobachtung: Mir stehen oft mein Perfektionsmus bzw. meine überzogenen Ansprüche an mich selbst im Weg. Je vollkommener ich etwas erledigen will, desto schwerer tue ich mir mit dem Anfangen. Dazu heißt es, dass Visualisieren helfen kann, d. h. sich vorstellen und in allen Farben ausmalen, wie toll es sich anfühlen wird, etwas zu beenden. Und das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Das Gefühl, das sich einstellt, wenn man etwas lang vor einem Hergeschobenes endlich hinter sich bringt, ist wirklich unbeschreiblich befreiend.

In diesem Sinne: Packen wir’s an!

 

PS: Das Allerletzte, was hilft, sind übrigens gutgemeinte Sprüche aus der Kategorie „Dann mach es halt ohne, dass du Lust dazu hast“, „Reiß dich halt einfach ‘zamm“, „Niemand macht gern Hausarbeit“, „Du bist halt einfach faul“ und so weiter.

PPS: Es gibt sogar einen Anti-Prokrastinations-Tag – am 6. September!

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